Prof. Dr. Ulrich Kaiser
Professor für Musiktheorie
Hochschule für Musik und Theater München
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Vorlesung 1



German: Der Begriff ›Seitensatz‹ ist ein etablierter Begriff zur Bezeichnung einer spezifischen Formfunktion, z.B. im Rahmen von Analysen der Sonaten und Sinfonien W. A. Mozarts. Seine moderne Bedeutung geht Schönger, Webern und auch auf Wilhelm Fischer zurück, der als Assistent und »Fachgenosse« Guido Adlers den Abschnitt »Instrumentalmusik von 1750-1828« im »Handbuch der Musikgeschichte« (2/1930) verfasste. Von Fischer wurde um 1920 an der Universität Wien Erwin Ratz beeinflusst, dessen wirkungsmächtige Formenlehre (1951) wiederum analytische Perspektiven der deutschsprachigen Musikwissenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte. In den 1970er Jahren lernte William E. Caplin den Begriff ›Seitensatz‹ in einem Formenlehre-Seminar bei Carl Dahlhaus an der Technischen Universität Berlin kennen und importierte dessen Bedeutung nach Nordamerika, wo er als »Subordinate Theme« den Formenlehrediskurs bis in die heutige Zeit prägt (Caplin 1998, Hepokoski/Darcy 2006, u.v.a.). In Deutschland hat der Begriff aktuell in einer von nordamerikanischen Publikationen beeinflussten musiktheoretischen Community Konjunktur. Das Licht dieser beispiellosen Begriffs-Karriere wirft allerdings einen Schatten, der sich in einer Dogmatik manifestiert, die sich über Goethes Morphologie und Ideen der Anthroposophie verstehen lässt. In dem folgenden Beitrag wird durch ausgewählte Analysen einerseits die Dogmatik des Begriffs veranschaulicht und andererseits die Frage gestellt, warum sich ein im Selbstverständnis wissenschaftlicher Diskurs zur musikalischen Analyse durch die veranschaulichten Probleme nur schwer irritieren lässt.


Angabe Inhalt:

  • Entwicklung eines Analyse-Modells für die Formfunktionen ›Seitensatz‹ und ›Schlussgruppe‹ anhand der Sonate in C-Dur Op. 53 (›Waldstein‹) von L. v. Beethoven
  • Analyse der genannten Formfunktion in den Sonaten in D-Dur KV 311 (284c), C-Dur KV KV 309 (284b), G-Dur KV 283 (189h) und C-Dur KV 545 von W. A. Mozart mithilfe des Analyse-Modells
  • Vergleich der Analyse KV 545 mit der Analyse amerikanischer Autoren (Caplin, Hepokoski/Darcy)
  • Anmerkungen zum geistesgeschichtlichen Hintergrund der Formenlehre von Erwin Ratz und zur aktuellen Situation

Präsentation (Video) des Beitrags: